Nicht können oder nicht wollen?

Das Motuproprio Summorum Pontificum ist bekanntlich seit kurzer Zeit auf der Internetseite des Heiligen Stuhls auch in deutscher Sprache zu lesen. Vergessen Sie übrigens nicht, liebe Leser, dass Sie auf non declinavi zuerst davon gehört haben, noch bevor die englischen Blogs diese Neuigkeit einem weiteren Kreis zugänglich gemacht haben! Gleichzeitig hat Fr. Z dazu aufgerufen, die Übersetzungen zu überprüfen und eventuelle Fehler aufzuspüren. Wie die Kollegen von summorum-pontificum.de sehr schnell berichtet haben, „kam bei mindestens einer Stelle eine böse Manipulation zum Vorschein“. So heißt es in der deutschen Übersetzung von Artikel 7 des Motuproprios:

Wo irgendeine Gruppe von Laien vonseiten des Pfarrers nicht erhalten sollte, worum sie nach Art. 5 § 1 bittet, hat sie den Diözesanbischof davon in Kenntnis zu setzen. Der Bischof wird nachdrücklich ersucht, ihrem Wunsch zu entsprechen. Wenn er für eine Feier dieser Art nicht sorgen kann, ist die Sache der Päpstlichen Kommission „Ecclesia Dei“ mitzuteilen.

Das Problem ist „nicht […] kann“, denn im lateinischen Originaltext, der allein rechtsverbindlich ist, heißt es „non vult“ („vult“ stammt von „volere“). Korrekt übersetzen müsste man diese beiden Worte also mit „nicht […] will“. Das Verb „volere“ bedeutet vor diesem Hintergrund letztlich genauso eindeutig „können“, wie „pro multis“ auf Deutsch „für alle“ heißt. Wie kam es zu dieser gravierenden Fehlübersetzung, die sich auch in anderen Sprachen findet? Was sind die Hintergründe?

Veröffentlichungen des Heiligen Stuhls sind erst „offiziell“, wenn sie in den Acta Apostolicæ Sedis gedruckt wurden. Von der ersten Bekanntgabe eines Textes durch das Presseamt des Heiligen Stuhls bis zum Erscheinen der Acta können also noch Änderungen vorgenommen werden. Genau das war der Fall bei Summorum Pontificum. In der Erstausgabe, welche die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) in ihren „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 178“ verwandte, hieß es:

Ubi aliquis coetus fidelium laicorum, de quo in art. 5 § 1 petita a parocho non obtinuerit, de re certiorem faciat Episcopum dioecesanum. Episcopus enixe rogatur ut eorum optatum exaudiat. Si ille ad huiusmodi celebrationem providere non potest res ad Pontificiam Commissionem „Ecclesia Dei“ referatur.

Statt „non vult“ lesen wir hier „non potest“. Das Wort „potest“ stammt von „posse“ und wurde völlig korrekt mit „nicht […] kann“ übersetzt. Hier liegt also der Hund begraben. Die Übersetzung auf der Internetseite des Heiligen Stuhls basiert, wie wir nun nachgewiesen haben, auf einer nicht offiziellen und damit nicht rechtsverbindlichen Version des lateinischen Textes.

Darüber hinaus ist mir noch eine weitere Eigenheit der deutschen Übersetzung aufgefallen. Im Deutschen sehen wir in Art. 5 § 2 ein Wort durch kursive Schreibweise vom Rest des Textes abgehoben, während uns das Lateinische einen unformatierten Text bietet:

Die Feier nach dem Meßbuch des sel. Johannes XXIII. kann an den Werktagen stattfinden; an Sonntagen und Festen kann indes ebenfalls eine Feier dieser Art stattfinden.

Nun könnte man vermuten, die verantwortlichen Personen in Rom hätten schlicht und ergreifend die Übersetzung aus den „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls“ übernommen. Allerdings bietet die DBK ihre Übersetzung in „neuer“ Rechtschreibung an, während der Heilige Stuhl die „alte“ Rechtschreibung gebraucht. Sollte man tatsächlich annehmen, jemand macht sich die mühselige Arbeit, einen Text von der einen in die andere Schreibweise zu „transkribieren“? Naja, vielleicht hat es deshalb sechs Jahre gedauert, die deutsche Übersetzung verfügbar zu machen!

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One thought on “Nicht können oder nicht wollen?

  1. Tolle Arbeit, bleibt also die Frage, wer wann und in welcher Absicht aus dem “nicht können” ein “nicht wollen” gemacht hat, nicht umgekehrt.

    Was bei der ganzen Empörung und dem Misstrauen, das offenbar die meisten Reaktionen auf altritualistischer Seite bestimmt (nicht hier), m.E. aber unterging, ist die weder hier noch bei Summorum und offenbar auch bei Father Z. nicht bedachte Auswirkung einer solchen Wortvertauschung auf den Normsinn, also zu überlegen, was diese “Änderung” rechtlich bedeutet.

    Bei Summorum findet sich nur eine Abhandlung, die offenbar zeigen will, dass das “können” eine Art Verharmlosung darstelle, mit der die unwilligen Bischöfe gewissermaßen vom Gesetzgeber bzw. seinem Übersetzer, Verfälscher oder Zuarbeiter und wem auch immer in Schutz genommen werden. Das empfindet der Autor bei Summorum anscheinend als “ungerecht” oder etwas Ähnliches und regt sich darüber auf, weil er meint, im Grunde “könnte” doch jeder Bischof, wenn er nur “wollte”.

    Das mag man sehen, wie man will, diese Überlegung ist dem Juristen allerdings eher fremd, denn sie betrifft überhaupt nicht das, was eine “Kann-Bestimmung” von einer “Will-Bestimmung” wirklich unterscheidet, namentlich die Rechtsfolge.

    Es geht doch darum, dass ED zu informieren ist, wenn mit der Anwendung der Instruktion etwas nicht klappt und der Bischof keine Abhilfe schafft (weil es nicht “will” oder nicht “kann”, sei zunächst mal dahingestellt). Es geht darum, wann man sich zu recht beschweren, wann man den Bischof also salopp gesagt berechtigtermaßen “anschwärzen” darf (und sich dabei auf den Wortlaut des Dekrets berufen kann, um nicht als übereifriger Denunziant abgetan und womöglich aus diesem Grund abgewimmelt zu werden).

    Wenn man diese Rechtsfolge bedenkt, auf die die ganze Norm ja abzielt, stellt sich heraus, dass es für einen Alte-Messe-Anhänger, der in seinem Bistum auf irgendwelche Blockaden stößt und sich in Rom beschweren und von ED eine Zurechtweisung des Bischofs erwirken will, eigentlich doch (wenn ich das richtig interpretiere) viel günstiger wäre, wenn die Vorschrift “non postest” lauten würde (und nicht “non vult”, wie sie ja nun im Endeffekt wirklich lautet).

    Immerhin muss der Petent dem Bischof ja jetzt beweisen, dass dieser nicht das tun will, was er eigentlich sollte. Ob der Bischof aber will oder nicht, lässt sich aber nur sehr schwer beweisen, er kann sich ja immer irgendwie herausreden.

    Wenn es dagegen beim “nicht kann” geblieben wäre, befände der Altritualist m.E. in einer günstigeren Lage, weil es ausreichen würde zu zeigen, dass der Bischof offensichtlich nichts tun kann. Man bräuchte zum Beweis dafür einfach nur die etwa vom Bischof vorgebrachten Ausflüchte oder Entschuldigungen für sein bisheriges Nichtstun in Rom vorzulegen.

    Eventuell hat der Autor von Summorum aber (ich denke ohne es wirklich zu reflektieren) mit seinen Überlegungen tatsächlich den Hintergrund dieser seltsamen Entwurfsabänderung in letzter Minute richtig erfasst. Da jeder Bischof im Prinzip “kann”, wäre die Norm bei strikter Auslegung des Wörtchens “kann” (im Sinne eine wirklichen und rechtlichen Vermögens) evtl. unanwendbar gewesen (man hätte sich gewissermaßen herausreden können, dass der Bischof natürlich “kann” – obwohl er evtl. nicht “will” – und dass deswegen das Beschwerderecht nicht vorliege). Das wäre eine zwar sehr “gewollte”, m.E. rechtsmissbräuchliche Fehlinterpretation (da sie am offensichtlichen Normzweck vorbei durch rein wörtliche Auslegung eine völlig sinnlose Normgebung annimmt), aber sie wäre denkbar. Durch die Änderung in “non vult” wurde dagegen eine Norm geschaffen, die zumindest dieser Umdeutung nicht mehr zugänglich ist.

    Das heißt, zwar muss man dem Bischof jetzt beweisen, dass er nicht will (was wie gesagt sehr schwierig und schwammig ist), aber immerhin ist klar, dass er wollen muss und sonst angegangen werden kann.

    Noch günstiger für den Alte-Messe-Konsumenten wäre es natürlich gewesen, wenn man einfach nur geschrieben hätte, wenn der Bischof nichts tut (egal warum), darf man sich beschweren, aber so isses nunmal nich. :-)

    Schönen Sonntag allerseits!

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